
Heute startet meine 50+ Karriere und ich gehe zurück an den Ursprung. Lange bevor die Welt Poker lieben lernte, liebte ich dieses Spiel. Ich spielte es schon im Alter von 12 Jahren. Damals noch nach den Regeln, die ich von Cowboys in TV Western beigebracht bekommen hab: Jeder 5 Karten verdeckt auf die Hand, dann einmal wild setzen, dann tauschen, dann nochmals wild setzen, dann Hosen runter, bis einer weint. ;-) So in der Art…
Was es für mich immer gab, war Bankroll Management. Meines ging so: Jedes Neujahr startete meine Zockkasse mit einer Null im Saldo. Nie lief ein Jahr negativ und nie später als im März spielte ich allein aus laufenden Jahresgewinnen.
Gut 2 Jahrzehnte später, da war ich mit dem Mathematikstudium längst fertig, hatte mich selbstständig gemacht und spielte teils auch professionell, änderte sich etwas: ich hörte mit dem finanziellen Tracking meines Spiels auf.
Warum?
Die allermeisten Investoren brauchen Tracking, weil es vor 2 Todsünden schützt. Erstens sich als Favorit zu sehen, obwohl man ein Verlierer ist. Und Zweitens zu teuer gemessen am eigenen Einsatzkapital zu spielen. Beides lässt sich als ein "sich in die Tasche lügen“ zusammenfassen. Das ist zutiefst menschlich und wohl ein entscheidender Grund für den weltweiten Siegeszug von No Limit Texas Holdem. Denn das Spiel ermöglicht unbewussten Selbstbetrug recht gut. Sehr leicht wähnt man sich besser als man ist und ebenso leicht setzt man mehr ein als es für die Gesamteinsatzbereitschaft gut ist. Auch das ist ein Kern dieses Spiels.
Ich aber wusste längst: mein größter Vorteil an den Tischen dieser Welt ist, dass ich im Kern kein Spieler bin. Mir kann die Versuchung des immer mehr und immer weiter, des Ausloten meiner Grenzen, des sich dem eigenen Schicksal Auslieferns nichts anhaben. Es lässt mich kalt.
Und ich weiss, dass auf den Limits und in den Spielen, in denen ich gern spiele, ich nie unterdurchschnittlich sein werde. Denn dafür weiss und kann ich einfach zu viel am Pokertisch.
So fallen für mich persönlich die Aufgaben und Funktionen, die Bankroll Management leistet, in sich zusammen und es ist nur noch Protokoll und Balast.
< Alles was du besitzt, besitzt auch dich: wer nie aufräumt, sucht zu viel. Wer aber immer nur aufräumt und nie etwas sucht, der ist kaum effizienter. >
Wenn ich also Jahrzehnte lang nur tracke, mein Tracking mir aber nie auch nur eine einzige (Gewinn)warnung aussprechen darf, dann kann ich den mich überwachenden Stift auch beiseite legen. Und so tat ich es dann auch.
Jetzt aber als Ü50 Spieler fang ich mal lieber wieder das tracken an! So werde ich es schon wieder gewohnt sein, wenn ich es mal brauchen sollte! (Hier spiele ich konkret auf die Tragik an, dass man sich dementerweise ja eben nicht mehr erinnert, dass man nun wieder tracken sollte… ;-) ) Will doch keiner, dass dem alten Mann sein Mehr in Wahrheit ein Weniger im Hosenbund wird. Nicht heute und auch nicht morgen, ich fühle mich fresh. Aber wie denke, wie es nun mal mein Stil ist, stets weit voraus. Mein Cash in the Tash werde ich mir bewahren und das noch ne gute Weile, drum greife ich wieder zum Stift. Ab heute gilt also wieder: Wer schreibt, der bleibt.
Zahler zocken - Könner kalkulieren
Stephan Kalhamer