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Short Stack, Full Ring, Early Position – einfaches No-Brainer Spiel?

Mike König · 15.04.2011
Screenshot der Pokertronic-Hand-Replayer-Software mit einer Neun-Spieler-Turnierhand am Pokertisch

Unter der Rubrik „eigentlich klarer Fall, aber…“ möchte ich heute eine Situation darlegen, die ich in vielen privaten Runden immer wieder beobachte. Im „Off Table Talk“ erzählen mir meine Mitspieler beim Bier, wie sonnenklar sie diese und jene Kartenkombination aus ihrer 15 Prozent Hand-Range verbannt haben. „So eine ***-Hand“, wird dann gewettert. Und dann wird weiter über den Aggression Factor und die vpMip–Quote der Gegner im Cash Game gefachsimpelt. Die Jungs wissen halt, wovon sie reden. Zehn Minuten später am Tisch dann das:

Ein gerade begonnenes Live Turbo Sit and Go Satellite beschert unserem nach eigener Aussage spielerisch überdurchschnittlich veranlagten Protagonisten im ersten Blind Level einen Open Raise Spot aus UTG +1. Am Ende der Hand steht unser „winning player“ auf und geht als Verlierer vom Tisch. Er hat in der Tiefe seines Pokerwissens eine der einfachsten Grundregeln ignoriert, die er noch vor wenigen Minuten als Selbstverständlichkeit verkündete.

Darum heute ein „Reminder“: Back to the Basics

Unser Hero sieht sich folgender Ausgangsposition gegenüber, kennt aber natürlich nicht die Hole Cards seiner Mitspieler.

Startstack: 2.000, Blinds 50/100

First to act findet er AJo und sollte sich folgende Frage stellen: Wie wahrscheinlich ist es zunächst, dass ein nachfolgender Spieler in dieser Runde eine Hand hält, die AJ deutlich überlegen ist (also jedes Paar ab JJ und jede bessere Ass-Kombination), und wie stehe ich gegen diese Hände bei einem Preflop All-In?

Diese zweigeteilte Frage lässt sich per Faustregel mit ein wenig Übung in wenigen Sekunden sogar in „Live Action“ am Tisch beantworten:

Bei 1.326 Möglichkeiten, eine Hand gedealt zu bekommen, und bei 16 Varianten, in denen eine nicht gepaarte Hand (1,2 Prozent, also rund 1 Prozent) sowie den sechs Varianten, in denen eine gepaarte Hand (0,45 Prozent also rund 0,5 Prozent) auftreten kann, ergibt sich folgende grobe Berechnung:

Jeder Mitspieler hält zu 0,5 Prozent eine der vier „gefährlichen“ Pocketpaare JJ, QQ, KK, AA (Gesamt: 2 Prozent) und zu je gut 1 Prozent AK oder AQ. Insgesamt steht damit die Chance, dass AJ deutlich „hinten“ ist bei jedem noch folgenden Mitspieler zu gut 4 Prozent. Bei acht folgenden Spielern verfinstert sich die Situation für diese Hand von Position zu Position.

Was nun, wenn ein Gegner auf ein Open Raise mit einem Reraise all-in reagiert? Wie steht AJ gegen die möglichen Kombinationen dann da und wie sieht in diesem Fall die Hand Range des Gegners überhaupt aus?

Wir nehmen an, dass ein Spieler nach einem Open Raise maximal die Top 5 Prozent seiner Hände all-in pusht.

5 Prozent Hand Range, das bedeutet z.B. jedes Paar höher als 8 (6 x 0,5 Prozent = 3 Prozent) und AK-AQ (je 1 Prozent = 2 Prozent).

Um zu ermitteln, wie die eigene Hand gegen eine mögliche Push Range steht, können wiederum einfache Faustregeln angewendet werden:

AJ hat also in diesem Fall gegen eine 5 Prozent Push Range bestenfalls die Aussicht auf einen Coinflip (50/50 gegen Paare 99 - TT).

Trotz alldem entscheidet sich unser Protagonist, der sich sicher ist, dass „ein ordentliches Raise von vorn eh keiner callt“ für ein Open Raise auf 3,25 BB (325).

Am Ende der Setzrunde ergibt sich folgendes Szenario:

Der Call des Highjack ist als „set mining“ eventuell nachvollziehbar. Die Blinds sehen sich zwar mit einem Early Position Raise und einem Call konfrontiert, bekommen aber mit knapp 3:1 (SB) bzw. fast 5:1 (BB) Pot Odds einen bezahlbaren Shot.

Flop: A5T (Pot 1300)

Unser Hero flopt Top-Paar und reitet schnurstracks ins Verderben, wobei das Furchtbare daran ist, dass er ab diesem Zeitpunkt keinen wesentlichen Fehler mehr begeht:

Nach zwei Checks von den Blinds und nur einem weiteren verbleibenden Spieler setzt unser Hero etwas weniger als ½ Pot. Ein Check am Flop würde nach fast jeder Bet eines Gegners unweigerlich zu einem Call oder gar einer All-In-Situation führen müssen, denn Restgröße des Stacks (16BB), Pot Odds (3:1) und Top-Paar-Treffer machen diese Hand in einem Turbo-SnG am Flop praktisch unfoldbar.

Hätte unser Protagonist also nicht nach Gründen gesucht, die Hand zu spielen, sondern nach Gründen, die Hand NICHT zu spielen, wäre er reichlich fündig geworden:

Selbst ein „Limp“ aus früher Position wird in den meisten Situationen dieser Art zu einem erheblichen Verlust führen.

Die beste Möglichkeit, unbeschadet aus dieser Hand zu kommen, wäre, AJ aus UTG +1 vor dem Flop zu „entsorgen“. Fold.

Die nächste Situation, in der die Gründe dafür sprechen, eine Hand NICHT NICHT zu spielen, kommt bestimmt.

Ursprünglich erschienen im donkMag, Sonderausgabe „Donkmag Extra“ (Ausgabe 2/11), 15.04.2011.

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