
Angriff ist besser als Verteidigung. Wie in fast jeder Sportart lässt auch am Pokertisch das aktive Spiel viel mehr Möglichkeiten, seine Vorstellungen durchzudrücken. Der Gegner kann nur reagieren und darum sollte das auch immer das Ziel sein. Der aktivste aller Spielzüge ist das Raise, wir setzen unsere Mitspieler unter Druck und fordern sie zum Handeln auf. Aus dieser Position der Stärke können wir ganz anders und viel weiter verzweigen.
Die anderen sind immer in der Defensive. Und das ist per se erst einmal eine gute Ausgangslage für uns. Wir können das mit und ohne Hand machen, während ein Call zumindest eine gewisse Handgüte erfordert.
Das Raise ist also der Schlüssel zum aktiven, oder gar aggressiven Spiel. Aber wie definiere ich meine Raises im Turnier. Lange Zeit galt die Faustregel von 3 BB plus jeden Limper in der Hand. Also bei 50/100 und bereits zwei Callern kommt die Standarderhöhung mit 500 daher. Das ist gute alte Schule. Aber es gibt eine neue Schule. Small Ball heißt das Zauberwort.
Zuallererst in großem Stil von Daniel Negreanu propagiert hat der Trend im Turnierpoker sehr schnell Anklang gefunden.
Grundvoraussetzung dafür ist eine entsprechende DeepStack-Turnierstruktur. Von DeepStack spricht man in aller Regel, wenn es möglich ist, eine Hand jeweils mit Pot-Size-Bets zu bestimmen, und am Ende immer noch nicht broke zu sein. Wir setzen also bei einer Hand mit einem Limper den Standard von 4 BB (3 BB plus einen Limper) und erhalten einen Call. Damit sind etwa 10 BB in der Mitte. Wir spielen nun am Flop (10 BB), Turn (30BB) und River (90BB) jeweils Pot an. Damit haben wir insgesamt 134 Big Blinds aktiv in die Mitte gebracht. Haben wir dann noch immer einen Rest von mindestens 40 Big Blinds, darf sich die Struktur mit Fug und Recht deep nennen. Natürlich gilt diese Rechnung meist nur in den ersten ein oder zwei Blindleveln. Als Faustregel lässt sich also sagen, jedes Turnier mit 200 BB Starting Chips hat das Prädikat DeepStack verdient. (Natürlich gehören auch eine entsprechende Struktur sowie Blindlevel dazu!)
Doch zurück zum Small Ball. Viele Turnierspieler tendieren dazu, nicht mehr standardmäßig auf 3 BB zu raisen, sondern wählen das Min-Raise. Gerne werden hier zum Verschleiern noch ein oder zwei Chips der kleinsten Nomination dazugelegt. Bei unserem Beispiel mit 50/100 ist das Eröffnungs-Raise dann 225 (2 BB plus einmal 25). Hier mag es noch gar nicht so auffallen. Interessanter wird das Open-Raise bei Blinds von 150/300: Raise auf 625. Sobald Antes mit im Spiel sind, werden diese ins Raise mit eingepreist.
Wieso aber funktioniert das? Setzen wir uns mal so einen Gegner an den Tisch: Wir sitzen im Big Blind und die Aktion kommt zu uns mit einem Raise auf 2 BB. Zunächst einmal wirkt das stark. Der Gegner lädt uns ja quasi ein. Wir bekommen den Call sozusagen auf dem Silbertablett serviert. Da stinkt doch etwas. Da sind die ersten, natürlichen Assoziationen: Mit „any two“ zu bezahlen, aber ein schlechtes Gefühl dabei zu haben. Zudem sind wir out of position. Wir können also folden, was uns auch nicht gefällt, oder aber wir bezahlen und folden dann in zwei von drei Fällen gegen eine – wieder sehr kleine – Conti-Bet. Verteidigung unterwandert. Mental out-played.
Nach einiger Zeit aber gewöhnen wir uns vielleicht an diese Raise-Sizes. Doch noch immer sind wir immer ohne Position postflop gegen den Raiser und zudem ist seine Hand nicht definiert. Die Erhöhung kann ebenso mit jeder beliebigen Hand gemacht werden. Schöne Karten also für den Raiser. Er hat Position, die aktive Rolle in der Hand, im Schnitt sicher auch die bessere Hand als seine Caller und – was wohl das Entscheidende ist – Verwirrung am Tisch gestiftet. Zudem verliert der Raiser nur das Minimum bei auftretender Gegenwehr. Das sind ein paar Gründe, weshalb Small-Ball nicht nur in Mode gekommen ist, sondern auch funktioniert.
Der größte Fehler wäre jetzt, selbst einfach anzufangen, immer minzuraisen. So einfach es aussieht, es gehört etwas mehr dazu, als nur den Big Blind zu verdoppeln. Man muss bereit sein, viele Pots zu spielen. Auch wenn der Raiser viele Vorteile hat, so muss er seine Gegner immer noch dazu bewegen, die Hand aufzugeben bzw. im Showdown die bessere Hand halten. Dazu gehört viel Verständnis von Board-Texturen, zudem muss man seine Gegner sehr gut taxieren und alles das auch noch miteinander verbinden können. Spieler, die Ihre Stärken Pre-Flop haben, sollten sich also nicht ohne Weiteres darauf einlassen.
Die wahre Power dieses Stils kommt dann in späten Turnierphasen zum Tragen. Man hat einen Gegner, der scheinbar jede Hand spielt, immer raist und im Showdown auch noch in der Mehrzahl die bessere Hand hält. Und jetzt kommen auch noch die Antes ins Spiel. Die Erhöhung liegt weiter bei 2 BB plus einen Chip und damit oft nur knapp über den bereits in der Mitte platzierten Blinds und Antes.
Wir haben Blinds von 200/400 mit einem running Ante von 50. Unser Freund wählt seine Erhöhung in der Range von 975 bis 1075, in der Mitte liegen bei 9 Spielern am Tisch aber bereits 1050! Die Situation für den Big Blind wird quasi unerträglich. Er kann hier eigentlich niemals folden, weiß aber auch, dass er in zwei von drei Fällen, in denen er keinen Treffer hat, nur einen zusätzlichen Big Blind verlieren wird. Und für den Raiser lohnt es sich immer mehr, den Kleinkrieg zu suchen. Selbst wenn er jede zweite Hand aufgeben müsste, weil es eine 3-Bet hagelt, würde sich das Spielchen lohnen.
So ergibt sich das paradoxe Bild, dass in späten Turnierphasen noch seltener gecallt wird, obwohl die Odds für die Blinds herausragend sind. Der normale Spielablauf kennt dann oft nur noch drei Varianten: a) Raise, Fold – nächste Hand. b) Raise, Call – Conti-Bet, Fold – nächste Hand. c) Raise, 3-Bet, Fold – nächste Hand. Turnierpoker scheint also wirklich langweilig zu sein. Aber gerade die Fähigkeit, diesen Rhythmus über Stunden in Perfektion zu halten, macht die wirklich großen Spieler aus.
Wir haben hier noch in keiner Situation einem Spieler auch nur eine einzelne Karte zugerechnet. Das alles passiert sozusagen mit any two. Dazwischen hat natürlich auch einer dieser Spieler die Chance, eine Premium-Hand zu finden. Sein Vortrag wird sich dadurch nicht verändern, es ist dann eben einer der Pots, in der am Ende auch noch die bessere Hand zusätzlich zu all den anderen Vorteilen beim Aggressor liegt. Neben Daniel Negreanu, Anthony Lellouche und Chad Brown gehört Daniel Drescher wohl zu den perfektesten Vertretern dieses Stils. Der deutsche Youngster trägt das Konzept mit einer solchen Selbstverständlichkeit vor, dass einem Angst und Bange wird, sitzt man in einem der anderen neun Stühle am Tisch. Eine Attacke nach der anderen rollt über den Tisch, da kann man nur hoffen, dass die Verteidigung einen guten Tag erwischt hat.
Ursprünglich erschienen im donkMag (Ausgabe 04/10), 03.04.2010.
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